10. Anekdote

Wir ziehen aus. Aus dem Krankenhaus. Heute erzähle ich Euch vom Auszug und der Heimkehr nach Hause.

Meine Zwillinge wurden mit 1,8 und 1,5 kg geboren. Nach 2 Wochen durfte die Große vom Inkubator ins Wärmebett umziehen. Das war ein Erfolg, denn das Wärmebett bedeutete, dass ich sie alleine hochnehmen durfte (ohne Erlaubnis der Schwestern) und das Wärmebett bedeutete auch, dass wir unserem Ziel nach Hause zu gehen etwas näher rückten.

Zum ersten Mal in ihrem Leben bekam Kind 1 also etwas angezogen und lag nun in einem kleinen Bett. Ungewohnt. Am nächsten Tag durfte auch Kind 2 ins Wärmebett ziehen und dann lagen sie endlich wieder zusammen. Eine Woche lang verbrachten wir so und hofften und bangten, dass die Bilirubinwerte unter den Grenzwert rutschen, damit wir nach Hause dürfen. Und Trinken mussten sie natürlich ausreichend alleine ohne mit der Magensonde nachgefüttert zu werden.

Wie die Große plötzlich unverhofft eine Mahlzeit an meiner Brust trank habe ich schon berichtet. Das war kurz vor unser Entlassung. Kind 1 hatte die 2 kg Gewicht geknackt und trank gut und ihre Bilirubinwerte waren in Ordnung. Sie wurde entlassen und als Begleitkind für ihre Zwillingsschwester aufgenommen. Das war ein schöner Moment, aber für mich sehr beunruhigend, denn plötzlich lag mein Baby „unbeaufsichtigt“ mit im Wärmebett auf der Station. Die Schwestern waren nicht mehr für sie zuständig sondern ich. Man versicherte mir zwar, dass man sich um sie kümmert, wenn sie weint, aber ich fühlte mich überhaupt nicht wohl mit dieser Situation. Ich hatte bereits während der ganzen Zeit dort unter anderem die Sorge, dass einer meine Babys klauen könnte. Insbesondere nachdem sie ins Wärmebett gezogen waren. Natürlich waren diese Ängste irrational, aber für mich waren sie real. Nun da Kind 1 nicht mehr an der Überwachung hing, stieg diese Angst nochmal deutlich an. Und was ist wenn sie plötzlich aufhört zu atmen? Keiner kriegt das mit. 😦 Was wenn sie weint und die Schwestern es im Schwesternzimmer nicht hören?

Die Schwestern versuchten mich zu beruhigen und meinten nur, dass zu Hause ja auch keine Geräte und Überwachung ans Kind angeschlossen wären, aber der Vergleich hinkte etwas, denn zu Hause war ich für meine Kinder verantwortlich und wäre bei ihnen. So eine Neo Schwester hat nachts 4-8 Babys zu „bewachen“. Das ist ein ganz klarer Unterschied. Fand ich.

Ich hatte tatsächlich in Erwägung gezogen Kind 1 mit mir ins Bett zu nehmen auf mein Zimmer, aber ich wollte sie auch nicht überfordern mit Eindrücken und Kind 2 alleine zu lassen war mir auch komisch… Zum Glück waren die Werte von Kind 2 am nächsten Tag schon besser, so dass ich darauf drängte nach Hause zu dürfen. Kind 2 hatte zu dem Zeitpunkt gerade mal 1,7 kg erreicht, aber sie machte sich gut und trank ihre Mahlzeiten am Finger auch schon fast komplett alleine.

Auf mein Drängeln hin stimmte der Arzt der Entlassung zu allerdings mit der Auflage, dass wir in zwei Tagen zur Kontrolle kommen müssen, um sicher zu gehen, dass der Bilirubinwert nicht wieder über die Grenze gestiegen ist. Ich war so froh. Es war schon später Nachmittag an dem Tag. Mein Mann hatte seinen letzten Arbeitstag und war gar nicht so begeistert mich und die Babys noch aus dem Krankenhaus holen zu müssen, aber ich wollte weg. Ich hatte so die Nase voll von dem Krankenhaus und allem was dazu gehörte. Er holte die Sitze und brachte Kleidung mit. Wir räumten das Zimmer aus in dem ich nun eine Weile gewohnt hatte und dann holten wir die Babys. Es war sehr ungewohnt. Sehr neu und dann aber auch sehr vertraut und schön.

Die Milch musste auch mit. Dafür hatten wir eine Kühltasche dabei. Ich hatte ziemlich viel Milch eingefroren im Krankenhaus.

Die Heimfahrt war ungewöhnlich für uns alle. Die Mädchen weinten. Sie waren nie gute Autofahrerinnen als Babys. Das wurde erst mit 2-3 Jahren besser. Jedenfalls wollte sie das gleich bei ihrer ersten Autofahrt klarstellen. 🙂 Wir mussten anhalten und sie beruhigen.

Zu Hause angekommen kuschelten wir erstmal ausgiebig und ich nahm sie beide nackelig auf meinen nackten Oberkörper damit sie erstmal eine vertraute Umgebung hatten. Das tat ihnen gut und mir auch. Nach nun fast 6 Wochen mal wieder zu Hause zu sein, war auch für mich ungewohnt.

Der eine Tag, den wir nun gewonnen hatten zu Hause zu verbringen, verging leider wie im Flug und schon waren wir wieder zurück im Krankenhaus zur Kontrolle des Bilirubinwertes von Kind 2. Es dauerte sehr lange bis sie den Wert im Labor ermittelt haben. Ich weiß es nicht mehr genau. Waren es 2 oder sogar 3 Stunden? Diese Stunden verbrachten wir übrigens in dem Raum, der eigentlich für Rooming-in zur Verfügung stand und den ich in den ganzen drei Wochen nicht benutzen durfte, weil er immer von einer anderen Mutter belegt war. Nun warteten wir also dort. Kind 1 konnte ich schon ganz gut mit Stillen beruhigen, aber Kind 2 war nicht so begeistert. Ein Glück waren wir zu Zweit und so war es nicht ganz so anstrengend mit den zwei Babys.

Endlich war das Warten vorbei. Der Arzt kam mit dem Ergebnis zurück. Der Wert sei wieder gestiegen und überschreite den Grenzwert jetzt um 0,1. Er haderte mit sich, aber wir durften wieder nach Hause gehen. Ich war so dankbar. Endlich frei. Endlich konnten wir als Familie starten und uns so richtig kennenlernen und beschnuppern.

Wir hatten es geschafft und nun ist es schon 8 Jahre her.

Das war die vorerst letzte Geschichte. Wenn ihr die anderen Anekdoten lesen mögt. Die findet ihr hier.

9. Anekdote

Es ist soweit auch die letzten zwei Erinnerungen aufzuarbeiten. Heute erzähle ich über den Hüftultraschall von Kind 2. Für alle, die es noch nicht wissen, meine Zwillinge sind 7 Wochen zu früh geboren. Die anderen Anekdoten könnt ihr hier nachlesen.

Kind 2 war unterversorgt im Mutterleib und kam mit 1,5kg auf die Welt. Sie ist unser Sorgenkind gewesen. Schon vor der Geburt und auch nach der Geburt machten wir uns große Sorgen um sie.
Nun stand ihr (regurlärer) Hüftultraschall an. Ich durfte dabei sein. Die Ärztin nahm mein Kind mit und trug sie durch den Wartebereich der Kinderklinik in einen Untersuchungsraum. In der Kinderklinik war an diesem Tag ein Weihnachtsbasar und es war sehr voll. Ich hatte große Angst vor Ansteckung, die ein Frühchen sehr schwächen könnte. Um die Neonatologie zu betreten musste man sich desinfizieren, aber hier war mein Mini-Baby quasi allem „frei ausgesetzt“. Später sah ich, dass es durchaus mobile Ultraschallgeräte gibt. Warum ein solches Gerät hier nicht zum Einsatz kam, weiß ich nicht. Eine der vielen Fragen, die ich mir stelle, wenn ich an diese Untersuchung zurückdenke.
Meine Kleine war in der Zeit die Kleinste/Leichteste auf der Station. So lag sie nun auf dem Untersuchungstisch. Unten ohne. Das kalte Gel mit dem Ultraschallkopf auf ihrer Hüfte. Sie bepullerte sich und meckerte. Ich versuchte sie zu trösten, aber hochnehmen konnte ich sie nicht, denn sie wurde untersucht. Die Oberärztin machte den Ultraschall während sie einer zweiten Ärztin erklärte was sie tut. Nicht etwa mir…

Als sie fertig war übergab die den Ultraschallkopf ihrer Kollegin und die machte denselben Ultraschall nochmal. Meine Kleine bepullerte sich ein zweites Mal und weinte inzwischen recht heftig. Als die Damen endlich fertig waren, durfte ich mein Kind hochnehmen und dann wurde ich mit meinem Baby zurück zur Neo geschickt. Keiner hat mir etwas erklärt und ich wurde aus dem Raum geschickt während sich die Frauen noch unterhielten. In meiner Erinnerung war es auch so ein Abwinken ala „Sie können jetzt gehen, wir brauchen Sie hier nicht mehr“. Es war das erste Mal, dass ich mein Kind ohne Kabel halten und tragen durfte. Ohne Aufsicht. So als wäre ICH wirklich ihre Mama… Frei zu gehen wohin ich will… Ihr könnt Euch dieses Gefühl vielleicht gar nicht vorstellen.

Ich bin natürlich schnell mit ihr zurück zur Station. Ich drängelte mich mit meinem Frühchen an den Menschen vorbei, die zum Weihnachtsbasar gekommen waren. Eine surreale Situation. Ich hatte große Angst um mein Baby und es wurde mir bewußt was da gerade passiert war. Die Oberärztin hatte mein Baby „benutzt“ um der noch lernenden Ärztin den Ultraschall beizubringen.

Es macht mich heute noch unglaublich wütend. Ich könnte schreien vor Wut. Ausgerechnet am kleinsten Baby der Station muss die nun den Ultraschall lernen? Warum wird man als Elternteil darüber nicht wenigstens informiert geschweige denn um Erlaubnis gebeten? Was soll denn das eigentlich?
Diese Hilflosigkeit und Ohnmacht… diese Übermacht der Ärzte und Schwestern ist sehr präsent und es ist einfach nur schrecklich für die Eltern.

Meiner Kleinen ist nichts passiert, aber mit mir hat dieses Erlebnis viel gemacht. Dieses Erlebnis hat mich wirklich fertig gemacht. Zusammen mit den anderen Anekdoten führt es dazu, dass ich nicht gerne an unsere Zeit im Krankenhaus zurückdenke.

Aber das weiß sicher jeder, der alle Anekdoten gelesen hat.

 

 

8. Anekdote

Ich habe noch drei Geschichten aus meiner Zeit mit den Zwillingen im Krankenhaus für Euch.

Falls ihr die ersten 7 lesen möchtet, die findet ihr hier.

Heute erzähle ich von einem Besuch, der mir sehr in Erinnerung geblieben ist.

Meine Eltern wollten mich besuchen. Sie beschwerten sich darüber, dass ich kaum noch erreichbar war und dass sie mich gerne sehen wollten. Wir machten einen Tag aus und trafen uns im Café des Krankenhauses. Ich (Häufchen Elend) war wohl etwas abwesend.  Die Tage im Krankenhaus haben mich viel Kraft gekostet und ich hatte einen Kaiserschnitt zu heilen. Mal ganz abgesehen von den emotionalen Wunden. Mir war eigentlich gar nicht nach Besuch und wenn ich etwas erzählte, dann versuchte meine Mutter mich aufzuheitern, aber das kam bei mir nicht gut an.

Ein paar Sätze sind mir noch sehr präsent: „Jetzt hast Du es ja geschafft. Jetzt wird alles gut. Sei doch froh, dass sie gesund sind.“ So oder so ähnlich sind sie gefallen und ich fand das einfach nur unglaublich fern.

So fern von dem was ich fühlte. Es fühlte sich überhaupt nicht geschafft an. Nix war gut und die Mädchen waren Frühchen. Ich hatte einfach unglaublich Angst um sie. Die ganze Situation belastete mich auf so vielen Ebenen, die mir nicht mal alle klar waren. Ich weiß noch genau, dass ich das Treffen kurz hielt und ich weiß auch, dass meine Mutter das alles sehr traurig machte. Sie fühlte sich sicher etwas hilflos. So im Nachhinein fühle ich sehr mit ihr, aber in der Zeit und in dem Moment war ich so mit mir und den Babys beschäftigt, dass ich nichts um mich rum so richtig mitbekommen habe und es war mir auch egal. Ich wollte meine Ruhe haben…

7. Anekdote

Heute gibt es die siebte Geschichte aus unserer Zeit im Krankenhaus. Die anderen Sechs könnt ihr hier lesen.

Schon wenige Tage nach der Geburt war klar, dass die kleinen Körper meiner Mädchen nicht mit der Neugeborenen-Gelbsucht klarkommen. Die Blutwerte übersteigen irgendwelche festgelegten Grenzen erklärt uns der Arzt oder war es eine Ärztin?

Was bedeutet das?

Ab jetzt müssen die Mädchen mehrere Stunden am Tag unter einer Blaulichtlampe liegen. Wir können dadurch weniger kuscheln. Im Fachjargon auch känguruhen genannt. Ich glaube es waren immer 4 Stunden Blaulicht und 4 Stunden Pause. Das Ganze 24 Stunden lang.

Es gibt eine Blaulichtlampe, die man unter das Baby schieben kann beim Kuscheln auf Mamas Brust, aber ob genug Blaulicht an den kleinen Körper kommt, wissen die Schwestern und Ärzte nicht. Daher wollen sie es nicht so häufig.

Erstmal benötigt nur Kind 2, also die Kleinere von Beiden, Blaulicht, aber schon am nächsten Tag folgt Kind 1.

Von nun an heißt es bangen um diesen blöden Bilirubinwert. Ich trinke fleißig Löwenzahntee. Das soll helfen die Verdauung anzuregen und damit den Abbau des Bilirubins im Körper beschleunigen. Also bei mir wirkt es. Meine Verdauung funktioniert dadurch einwandfrei. Leider senkt sich der Wert bei den Mädchen nicht sehr schnell und wir müssen immer wieder unter die Lampe.

Einmal müssen so viele Kinder auf der Station behandelt werden, dass die Lampen nicht ausreichen und sie meine Mädels zusammen in einen Brutkasten legen und gemeinsam bestrahlen. Was für ein schöner Moment. Endlich sind sie nicht so alleine, wenn ich sie mal nicht auf der Brust habe. Ein schönes Gefühl. Warum sie das nicht dauerhaft möglich machten, frage ich mich oft im Nachhinein. Gefühlt würde ich sagen, waren sie ein bisschen ruhiger als sie zusammen lagen. Aber das kann auch meine eingebildete Erinnerung sein.

Was es mit dieser Blaulichlampe auf sich hat könnt ihr bei Wikipedia nachlesen im Bereich Phototherapie. Die Therapie ist nicht ganz ungefährlich. Sie kann die Netzhaut schädigen und sie trocknet die Haut aus. Wenn die Kinder sich die „Brille“ vom Kopf gerubbelt haben, dann habe ich mir immer große Sorgen gemacht. Und ich war wütend, dass die Schwestern das nicht gesehen haben. Oft wurde die Schutzbrille auch gar nicht richtig aufgesetzt. 😦

Aber zum Glück haben wir keinen bleibenden Schaden an den Augen davon getragen. Leider weiß man das nicht, wenn man im Krankenhaus um sein Kind bangt.

Übrigens ist ja das Schlafen bei Licht sehr umstritten und dieses sehr intensive Licht und dann auch noch blau… Wer weiß warum die Zwei noch lange Zeit rekordverdächtig schlecht geschlafen haben? Heute ist das zum Glück besser.

6. Anekdote

Seid ihr bereit für noch eine Geschichte aus unser Krankenhauszeit?

Meine Babys sind endlich beide ins Wärmebettchen umgezogen und sie liegen zusammen in einem Bett. Es ist so schön sie zusammen zu haben und nicht mehr in zwei seperaten Inkubatoren.
Ich habe darum gebeten für den Rooming-In-Raum als nächstes auf die „Warteliste“ zu kommen. Mit zwei Brutkästen in den Raum zu ziehen ist nicht möglich, aber mit dem einen Wärmebettchen wäre es möglich.

Mir wird zugesagt, dass die Frau morgen ausziehen wird und ich dann mit den Zwillingen in den Raum kann. Es wäre eine riesige Erleichterung. Keine 3-4 Etagen Krankenhaus mehr zwischen uns während ich schlafe. Ich wäre da. Es würde sich nach Nähe anfühlen. 🙂 Ich bin total froh. Berichte meinem Mann davon. Er ist auch so froh, denn er weiß und merkt natürlich was für eine emotionales kleines häufchen Elend ich bin. Die Zeit hier im Krankenhaus zermürbt mich.

Leider kommt später am selben Tag die Ordensschwester zu mir. (Es ist ein kirchliches Krankenhaus und sie kommt öfters zu mir.) Heute kommt sie mit schlechten Nachrichten. Sie teilt mir mit, dass ich leider nicht in den Raum einziehen kann mit dem Mädchen, weil sie eine Frau haben deren Baby im Sterben liegt und sie dieser Frau das Vorrecht eingeräumt haben und sie hoffen auf mein Verständnis.
Ich weiß es ist nicht richtig, aber ich habe kein Verständnis. 😦 Ich bin unendlich traurig und wütend. Natürlich sage ich davon nichts. Behalte alle meine Gefühle für mich.
Ich sehe die Frau später in den Raum einziehen und weiß, dass sie es dringend benötigt, aber mein Herz weint. Ich versuche nicht so selbstsüchtig zu sein, aber ich will, ich will, ich will. Mein inneres Kind stampft, schreit und weint. Mein äußeres Ich verzieht keine Miene.

In meiner Erinnerung geht die Frau mit ihrem Baby nach Hause am selben Tag an dem auch wir endlich die Klink verlassen können und dieser Raum bleibt leer, weil ihn keiner benötigt… Unfair finde ich das. Warum war der nie frei als ich ihn brauchte. 😦 Aber es kann sein, dass mich meine Erinnerung hier auch trügt.

Es war ein schwerer Tag für mich. Mein Mann kam am Abend und versuchte mich zu trösten, aber es half wenig. Noch heute stehen mir die Tränen in den Augen und das Herz wird mir schwer…

 

 

5. Anekdote

Vier Geschichten aus unserer Zeit im Krankenhaus hab ich nun schon geteilt. Heute eine ganz kurze, aber in meiner Erinnerung sehr Wichtige.

Ich werde mit dem Bett in einen Raum gefahren. Die Operation ist überstanden. Die Babys hat man gleich weggebracht und versorgt. Wir wissen nichts. Leben sie? Wie geht’s ihnen? Einen Schrei hat jedes Mädchen von sich gegeben. Die Hebamme hat sie an mir vorbei in den Raum nebenan getragen.

Der Schrei war zwei Mal fast identisch. Es war fast wie ein Déja-vu.

Mir ist sehr kalt. Offenbar Nachwirkungen der OP. Obwohl ich bereits zugedeckt bin, zittere ich. Mein Mann weiß sich nicht zu helfen. In seiner Not legt er seine Jacke auf mich drauf. Das hilft.

Eine Schwester (oder die Hebamme?) kommt und fragt meinen Mann, ob er schon mitkommen möchte. Er sieht mich fragend an und ich will natürlich, dass er zu unseren Babys geht. Ich weiß nicht warum ich nicht gleich mit konnte. Ich liege jedenfalls dann allein in dem Raum und ich weiß nicht wieviel Zeit vergeht, aber dann steht der Oberarzt an meinem Bett. Er hat mich die letzten Wochen betreut und mit mir regelmäßig Ultraschall gemacht. Er hat mir die OP erklärt und auch selbst operiert. Er war durch und durch Arzt, aber auch Mensch und diese Menschlichkeit hat er mich an diesem Tag spüren lassen.

Er kam ganz dicht und streichelte mein Gesicht. Er sagte irgendwas in der Art: „Jetzt haben Sie es geschafft. Es ist vorbei. Sie haben zwei Mädchen. Die Mädchen sind gesund.“

Bis dahin wusste ich nicht was los ist und dann kam er und erlöste mich. Es war ein sehr schöner Moment. Unsere bis dahin sehr normale Arzt-Patient-Beziehung hatte für den kurzen Moment etwas Fürsorgliches und Liebevolles. Das wird mir ewig in Erinnerung bleiben.

Nachdem die Mädchen geboren waren, hatte ich mit ihm nicht mehr viel Kontakt, denn nun hatte ich weniger mit dem Frauenarzt und mehr mit Kinderärzten der Klinik zu tun. Zu denen fallen mir bestimmt auch noch Geschichten ein…

 

Hier findet ihr die anderen Anekdoten.

4. Anekdote 

Schon bei einer, der ersten Untersuchungen der Babys hat man uns gesagt, dass Kind 2 ein auffälliges Herzgeräusch hat. Sehr beunruhigend sowas zu hören, aber das ist man ja fast gewöhnt als Frühcheneltern.

Uns wurde gesagt, dass ein Ultraschall gemacht werden wird um das abzuklären. So weit, so gut. Ich bitte darum auf jeden Fall dabei seien zu können.

Es vergeht ein Tag nach dem anderen, aber der Ultraschall wird immer wieder verschoben. Als besorgte Mutter frage ich regelmäßig nach, was denn mit dem Ultraschall ist und bekomme die Antwort, dass ich Bescheid bekomme, wenn es soweit ist. Man muss schon einiges abkönnen auf so einer Station, wo man nicht der Einzige ist mit Sorgen. Das ist mir durchaus bewusst. Leider ist mir dieses dicke Fell nie wirklich gewachsen und spätestens nach der anstrengenden Schwangerschaft und nach dem Kaiserschnitt und nach der zermürbenden Zeit hier im Krankenhaus bröckelt mein Nervenkostüm nur noch vor sich hin. Ich meine wir sprechen hier von einem auffälligen Herzgeräusch bei einem Baby das mit 1,5 kg auf die Welt kam… 

Ich warte also mehr oder weniger geduldig. Ich bin übrigens fast immer bei den Mädchen ausgenommen zu den Mahlzeiten, an die ich mich erinnern muss, damit ich sie nicht vergesse und die ich auch nur einhalte, weil ich weiß dass mir sonst vielleicht die Milch wegbleibt. Ich bin also immer da. Streichele, füttere und habe sie so oft es geht auf der Brust zu liegen.

Nachts zwinge ich mich 4-6 Stunden schlafen zu gehen in mein Zimmer, das mir vom Krankenhaus zur Verfügung steht. Lieber würde ich bei meinen Mädchen schlafen, aber der eine Raum, der für Rooming-in zur Verfügung steht ist dauerbelegt. 😦 Aber zurück zum Ultraschall. Ich betone meine Anwesenheit deshalb so sehr, weil mich das Erlebte bis heute maßlos ärgert.

Es ist Nacht. Ich schlafe in meinem Zimmer seit etwa einer Stunde. Da klingelt mein Telefon. Ich schaffe es gerade so ranzugehen. Die Stimme der Schwester sagt zu mir, dass sie gerade schon auflegen wollte. Aha. Ja nachts um 1 oder 2 Uhr bin ich nicht ganz so schnell am Telefon. Es tut mir leid. Nicht!

Es ginge um mein Kind. Hier steht dass die Mutter dabei sein möchte beim Ultraschall, ob das richtig sei. Ja ist richtig. Na dann sollte ich mich beeilen. Die Ärztin hat mein Baby schon in der Hand. Bitte wie? Ich komme.

Ich ziehe mir einen Bademantel an und hetze zur Neonatologie. Es dauert einen Moment bis man mit dem Fahrstuhl unten ist und dann desinfizieren und so. Ich komme an und da wird meinem Baby gerade die Brust abgewischt. Fertig, verkündet die Ärztin stolz und sagt mir dass alles in Ordnung ist mit dem kleinen Herzen.

Ich bin fassungslos. Wütend. Traurig. Erleichtert. Müde. Erschöpft. Wütend!!! Sehr sehr wütend. Aber ich sage nichts. Ich habe einfach keine Kraft mehr.

Ich warte tagelang auf diesen Ultraschall. Bin immer da außer nachts wenn ich mal ein wenig Schlaf tanke um dann den nächsten Tag zu meistern. Und dann können sie nicht mal 10 Minuten warten bis ich auf der Station angekommen bin? Nachts? Vielleicht hätte ich mein Baby gerne selbst ausgezogen? Gerne selbst der Ärztin übergeben? Oder wenigstens gerne selbst den Ultraschall gesehen auch wenn ich davon natürlich sowieso nichts verstehe. Einfach nur so, weil ich eben die Mutter meines Babys bin…

Ich habe nur eins dazu zu sagen: großes Unverständnis wie man so wenig Mitgefühl haben kann mit den Eltern.

Nebenbei versuchte mein Körper auch noch eine relativ große Operation zu heilen. Nur so nebenbei… Ach man. Ich merke wie sehr die Wut immer noch nach acht Jahren präsent ist. 

Wann kann ich das loslassen?

Hier findet ihr die anderen Anekdoten.

3. Anekdote

Draußen werden langsam immer mehr Fenster geschmückt. Es ist Vorweihnachtszeit. Ich liebe diese Zeit, aber sie geht dieses Jahr total an mir vorbei. Es ist 2007 und ich sehe aus dem Fenster des Krankenhauses während ich auf meinem Bett sitze und Milch pumpe. Es ist Nacht. Ich muss mindestens alle vier Stunden pumpen damit meine Mädchen Muttermilch kriegen.

Sie werden mit dem Finger gefüttert. Das ist nicht überall üblich, so dass ich sehr dankbar bin, dass sie hier im Krankenhaus diese stillfreundliche Methode des Fütterns möglich machen. Da sie oft zu müde sind eine ganze Mahlzeit zu trinken, wird der Rest über eine Magensonde gespritzt. Ich übernehme das Füttern der Mädchen gerne selbst. Es sind meine Kinder. Es fühlt sich ganz selbstverständlich für mich an. MEINE Kinder. Wenn ich sie schon sonst nicht mal alleine hochnehmen darf, dann gibt mir wenigstens das Füttern das Gefühl Mutter meiner Kinder zu sein.

Nach dem Pumpen bin ich ziemlich wach also beschließe ich nach meinen Babys zu sehen. Das Krankenhaus ist nachts angenehm ruhig. Ich gehe im Schlafanzug und Bademantel zum Aufzug. Drei oder vier Etagen trennen mein Zimmer von der Frühchenstation. In den Taschen habe ich zwei Gläschen mit meiner Milch. Sie kommt auf der Neonatologie in den Kühlschrank mit meinem Namen und dem Datum versehen. Alles muss seine Ordnung haben.

Dann gehe ich zu meinen Mädels. Sie schlafen und ich sehe ihnen einfach dabei zu. Sie sind so zerbrechlich.

Die Nachtschwester kommt rein, eine von den netten Schwestern, und sagt ich solle mich doch endlich mal hinlegen und schlafen. Sie kümmert sich schon. Ich weiß es ist nett gemeint. Ich weiß auch, dass sie Recht hat. Ich bin immer da. Aber es sind doch auch meine Babys. Dass sie überhaupt von mir getrennt sind obwohl sie doch eigentlich noch in meinen Bauch gehören, fühlt sich einfach nur falsch und traurig an. Ich bin einfach einsam ohne sie. Nicht komplett. Ich will nicht, dass fremde Frauen sich um sie kümmern. Sie anfassen und füttern. Sie trösten. Trösten sie sie denn auch immer?

Ich fühle mich sehr sehr schwach und müde und traurig und in dem Moment auch sehr wütend auf diese Schwester, die sich anmaßt mich wegzuschicken. Weg von meinen Kindern.

Ich will endlich nach Hause. Ich will endlich meine Babys selber versorgen und sie Tag und Nacht ganz dicht bei mir haben. Die Vorweihnachtszeit mit ihnen genießen. Stattdessen bin ich ein Häufchen Elend im Bademantel nachts auf der Neo und sehe meine Kinder durch einen Plastikkasten anstatt sie selber „auszubrüten“.

Ich gehe dann mal schlafen. Die nette Schwester hat ja Recht und es fällt auch viel leichter die Mädchen bei den netten Schwestern allein zu lassen.

Hier findet ihr die anderen Anekdoten.

2. Anekdote

Entschuldigt, wenn die Geschichten hier unsortiert sind. Ich weiß nicht mal ob sie in meiner Erinnerung in eine richtige Reihenfolge zu bringen wären… Nach gestern, heute mal was Erfreuliches:

Wir sind schon über zwei Wochen im Krankenhaus und es stellt sich langsam Routine ein. Wickeln, Füttern, Schmusen/Schlafen. Bei jedem Wickeln wird Temperatur gemessen. Es dauert übrigens lange bis ich mir das zu Hause endlich abgewöhne. Aber zurück zum Tag meiner Erinnerung. 

In meiner Erinnerung ist es ein sonniger Tag. Alles ist hell. Kind 1, die Größere von Beiden, ist wach und ich versuche mal wieder sie zu stillen. Ganz alleine ohne Hilfe der Schwestern. Die „Hilfe“ ist sicher lieb und sinnvoll gemeint, aber es verunsichert mich eher, wenn jemand ständig hilft meine Brust in das Kind zu bekommen. Ich versuche es selbst so wie ich es gezeigt bekommen habe und das Wunder geschieht: Nach so langer Zeit hier im Krankenhaus (ja es fühlt sich wie eine elend lange Ewigkeit an) dockt sie an. Sie saugt und zieht. Eine gute Mahlzeit. Es ist ein unglaubliches Gefühl. Ich bin voller Liebe und Stolz und Erleichterung und Erlösung und befreit. Ja alles das. Es gibt mir Kraft es weiter zu versuchen und nicht aufzugeben. Es fühlt sich auch so richtig an. Diese unglaubliche Nähe zu meinem Kind. Es ist ein toller Moment.

Er wird etwas getrübt, durch den Auftritt der Schwester, die mich fragt ob ich das Kind vorher gewogen habe. Nein. Ich wollte einfach mal gucken ob sie stillen mag. Hätte nicht damit gerechnet, dass sie eine Mahlzeit trinkt.

Na toll nun wissen wir nicht wieviel sie getrunken hat… oh Gott oh Gott. Es kann nicht in das Heft eingetragen werden und nicht kontrolliert werden was das Kind zu sich nimmt. 😱😱😱

Sie schafft es trotzdem nicht mir meine unglaubliche Freude zu nehmen. Ich muss gleich raus und rufe meinen Mann an. Schöner Tag! Es muss kurz vor’m Verlassen der Klinik sein 2-3 Tage vorher. Zumindest ist mir so.

Hier findet ihr die anderen Anekdoten.

1. Anekdote

Ich komme zu meinen Babys und Kind 2, die Kleinere mit knapp 1.500 Gramm geboren, weint im Brutkasten. Ich versuche sie zu trösten mit Worten und durch die zwei Löcher in dem Kasten, die die einzige körperliche Verbindung zu ihr ermöglichen. Sie weint weiter. 

Eine Schwester kommt gerade in den Raum und ich bitte sie mir das Baby zu geben. Leider meint sie, sie hätte dafür jetzt keine Zeit und beschließt stattdessen meiner Kleinen einen Tropfen Glukose zu geben. Das Wundermittel, das alle bekommen, wenn sie still sein sollen. Ein bisschen Zuckerwasser. Wer mich kennt, weiß dass das in vieler Hinsicht nicht meine Wunschlösung ist und leider hilft es auch überhaupt nichts einem inzwischen brüllendem Kind Flüssigkeit in den Mund zu tropfen. Meine Kleine verschluckt sich so sehr daran, dass sie es kaum noch hinbekommt zu atmen. Nun muss die Schwester meinem Kind wieder zum Atmen verhelfen. Ihr könnt Euch nicht vorstellen wie schrecklich hilflos man daneben steht und das alles mitansehen und ertragen muss. Ich frage mich oft was ich hätte anders machen können oder sollen, aber ich sehe keine Alternative.

Die Schwester hatte eben keine Zeit den Kasten zu öffnen und mir das Kind zu geben. Leider musste sie sich nun aber doch Zeit nehmen, denn ihre zeitsparendere Methode hat nicht funktioniert. Im Gegenteil. Meine Variante hätte etwa 5 Minuten ihrer Zeit gekostet. Wenn überhaupt. Stattdessen war sie nun etwa 10 Minuten mit meinem Mini-Baby beschäftigt, das nun kaum noch atmen konnte.

Es war sehr traurig. Danach war sie weg und ich weiterhin von meinem Baby getrennt. Ich weiß nicht mehr was ich danach gemacht habe. Vielleicht mein Baby gestreichelt und still geweint? Wie so oft an den Brutkästen meiner Mädchen…

Hier findet ihr die anderen Anekdoten.