3. Anekdote

Draußen werden langsam immer mehr Fenster geschmückt. Es ist Vorweihnachtszeit. Ich liebe diese Zeit, aber sie geht dieses Jahr total an mir vorbei. Es ist 2007 und ich sehe aus dem Fenster des Krankenhauses während ich auf meinem Bett sitze und Milch pumpe. Es ist Nacht. Ich muss mindestens alle vier Stunden pumpen damit meine Mädchen Muttermilch kriegen.

Sie werden mit dem Finger gefüttert. Das ist nicht überall üblich, so dass ich sehr dankbar bin, dass sie hier im Krankenhaus diese stillfreundliche Methode des Fütterns möglich machen. Da sie oft zu müde sind eine ganze Mahlzeit zu trinken, wird der Rest über eine Magensonde gespritzt. Ich übernehme das Füttern der Mädchen gerne selbst. Es sind meine Kinder. Es fühlt sich ganz selbstverständlich für mich an. MEINE Kinder. Wenn ich sie schon sonst nicht mal alleine hochnehmen darf, dann gibt mir wenigstens das Füttern das Gefühl Mutter meiner Kinder zu sein.

Nach dem Pumpen bin ich ziemlich wach also beschließe ich nach meinen Babys zu sehen. Das Krankenhaus ist nachts angenehm ruhig. Ich gehe im Schlafanzug und Bademantel zum Aufzug. Drei oder vier Etagen trennen mein Zimmer von der Frühchenstation. In den Taschen habe ich zwei Gläschen mit meiner Milch. Sie kommt auf der Neonatologie in den Kühlschrank mit meinem Namen und dem Datum versehen. Alles muss seine Ordnung haben.

Dann gehe ich zu meinen Mädels. Sie schlafen und ich sehe ihnen einfach dabei zu. Sie sind so zerbrechlich.

Die Nachtschwester kommt rein, eine von den netten Schwestern, und sagt ich solle mich doch endlich mal hinlegen und schlafen. Sie kümmert sich schon. Ich weiß es ist nett gemeint. Ich weiß auch, dass sie Recht hat. Ich bin immer da. Aber es sind doch auch meine Babys. Dass sie überhaupt von mir getrennt sind obwohl sie doch eigentlich noch in meinen Bauch gehören, fühlt sich einfach nur falsch und traurig an. Ich bin einfach einsam ohne sie. Nicht komplett. Ich will nicht, dass fremde Frauen sich um sie kümmern. Sie anfassen und füttern. Sie trösten. Trösten sie sie denn auch immer?

Ich fühle mich sehr sehr schwach und müde und traurig und in dem Moment auch sehr wütend auf diese Schwester, die sich anmaßt mich wegzuschicken. Weg von meinen Kindern.

Ich will endlich nach Hause. Ich will endlich meine Babys selber versorgen und sie Tag und Nacht ganz dicht bei mir haben. Die Vorweihnachtszeit mit ihnen genießen. Stattdessen bin ich ein Häufchen Elend im Bademantel nachts auf der Neo und sehe meine Kinder durch einen Plastikkasten anstatt sie selber „auszubrüten“.

Ich gehe dann mal schlafen. Die nette Schwester hat ja Recht und es fällt auch viel leichter die Mädchen bei den netten Schwestern allein zu lassen.

Hier findet ihr die anderen Anekdoten.

3 Gedanken zu “3. Anekdote

  1. Mein Mittlerer hatte nach dem KS Atemanpassungsschwierigkeiten und musste in ein anderes Spital verlegt werden, er wurde eine Stunde nach der Geburt von mir getrennt und es brach mir mein Herz, meine Hormone spielten verrückt und ich weinte fast ausschliesslich! Alle versuchten mich damit zu trösten, dass es ihm so besser gehen würde, ich habe jeweils zu erklären versucht, dass er mir nicht im Kopf fehlt, sondern mein ganzer Körper nach diesem Kind schreit, dass 9 Monate in mir drin war! Und ich hatte auf der Neo, die bei uns nur 10 Tage gedauert hat, nicht vergleichbar mit deiner Situation, die ganz gleichen Gefühle, ich schlich nachts durch Krankenhausflure und wollte alles selber machen, was ich zum Glück schnell konnte, und mein Glück war sehr tiefsitzend und Grundlegend als mein Kleiner sehr eifrig meine Brust suchte, sie schnell fand und am dritten Tag genug Kraft hatte um anzudocken! Ich weine nicht sehr oft, ich habe in diesen Tagen meinen Jahresvorrat an Tränen aufgebraucht! Ich fand es auch sehr speziell, dass andere mein Kind im Tragetuch rumgetragen haben, oder ihn eben gefüttert haben, ich habe auch versucht immer da zu sein, es ist ein Urinstinkt, es sind Gefühle die kein anderer kennt, es sind unsere Kind und wir sind ihre Mutter, überlebenswichtig, beschützend, sie sind Teil von uns, physisch! Du weisst, was ich meine!

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