Geburtsbericht von Frau G

Heute gibt es einen Gastbeitrag von Frau G, eine liebe Freundin von mir. Ihren Blog findet ihr hier.

Als unsere Tochter in unser Leben trat

Ein Jahr ist es nun fast her als unsere Tochter das (furchtbar grelle) Licht der Welt erblickt hat… Die Welt blieb stehen und dreht sich seit dem in einem anderen Tempo weiter.

Alles begann am 08.04.14 dem errechneten Geburtstermin. Um 10h hatte ich im Krankenhaus meinen Termin für das routinemäßige CTG. Ich parkte und watschelte rüber. Das CTG war absolut unauffällig und beim Ultraschall sah man, dass das Fruchtwasser nun langsam zurückgeht. Wieder kommen sollte ich am Freitag (den 11.) Falls sich bis dahin nichts von allein tut.

Also ging ich happy und gut gelaunt zurück zum Auto, wo mich der Schlag traf. Mein ippAuto war komplett zerstört. Man hatte mich im geparkten Zustand unter einen vor mir geparkten LKW geschoben. Hinten und vorne alles hin. Doch wirklich schlimm wurde es für mich als ich las wann der Unfall passiert war. .. Er ereignete sich genau 5min nachdem ich das Auto verlassen hatte. Mein Kopf fuhr Achterbahn. Mir war heiß und kalt und mir wurde ziemlich übel. Mein Mann holte mich dann kurzerhand ab und fertig vom Erlebten und dem Kopfkino des Tages ging ich um 20h zu Bett.

Um 0.30h wurde ich von meinen mir nun schon bekannten Darmkrämpfen geweckt. Ich kenne das schon, da ich sie Zeit meines Lebens unter der Periode hatte. Nun in den letzten Wochen der Schwangerschaft hatte ich sie auch ständig. Die Krämpfe sind sehr unangenehm, weil man einfach nichts dagegen machen kann. Ich vermutete dass der Zwerg sich nachts immer dreht und es deshalb weh tut. Wird ja schließlich immer enger.

Also bin ich aufgestanden auf Toilette Flur auf Flur ab. Hm diesmal sind die Schmerzen heftig – weiter schlafen wie sonst wird schwer. Also den Mann wecken. Er sagte ich solle doch diesmal ein Buscopan Zäpfchen nehmen, das sei schließlich erlaubt (er hatte gut zugehört im Geburtsvorbereitungskurs) Ok dachte ich, ich muss ja irgendwie schlafen. Als ich dann auf Toilette war, fiel es mir plötzlich wie Schuppen von den Augen. Die Schmerzen waren rhythmisch… Ich wollte noch keine Pferde scheu machen, deshalb hab ich mir mein Handy geschnappt und die Wehenschreiber App gestartet. Hm alle 3 min… Sollten wir da nicht langsam ins Krankenhaus. Und als ich das so dachte spürte ich plötzlich, dass mein Körper den natürlichen Reinigungsprozess startet. Und da war dann auch wirklich klar, es geht los. Ich schleppte mich – 2 Wehen veratmend ins Schlafzimmer und sagte meinem Mann, dass es losgeht. Erst war er unsicher aber als er mich sah, war ihm alles klar. Dann ging es schnell. Tasche geschnappt, angezogen und irgendwie die Treppe runter.

Während mein Mann das Auto aus der Garage holte, umarmte ich noch den Baum vor unserer Tür und dann ging es los. Im Krankenhaus angekommen war es 1.30h und die Wehenabstände bereits bei 2 min. Ab dem Moment war ich überfordert. Und dieses Gefühl ließ mich irgendwie eine ganze Weile nicht los. Wo war die von allem beschriebene Eröffnungsphase mit Abständen von 10 min zum Gewöhnen an den Schmerz? Wo waren die Rücken und Oberbauchschmerzen? Wieso kann ich nicht mehr laufen und kann den Schmerz nicht kontrollieren? Wer mich kennt weiß, dass ich sehr schmerzunempfindlich bin und eine ganze Menge locker aushalte. Warum bin ich dann auf einmal so überfordert. Das war vermutlich auch das Schlimmste für meinen Mann, der damit auch so gar nicht gerechnet hat.

Gut wir sind also ins Vorwehenzimmer, dort nahm die Hebamme den Befund (7 cm bei Ankunft) und hing mich ans CTG. Nach ca. 20 min kam sie wieder und bettete mich in den Kreißsaal um. Die Wehen hatten kaum noch Abstände. Ich war nicht in der Lage zu laufen, ich konnte nur liegen und atmen. Ich warf mich sogar vor Schmerzen im Bett umher und schrie, was ich im Nachgang überhaupt nicht glauben kann. Da wir die einzige Geburt waren, war die Hebamme bei uns. Sie sagte mir, dass mein Gehirn überfordert sei, weil das Schmerzgedächtnis sich nicht an den Schmerz gewöhnen konnte und dass die Darmkrämpfe natürlich außergewöhnlich sind.

Gegen 2.30h schaute ich meinen Mann an und sagte, dass ich nicht mehr könne. Er war sichtlich erschrocken. Das was ich nie wollte, brauchte ich jetzt, weil ich gefühlt nicht mehr klar kam. Ich bat die Hebamme um eine PDA. Es war für mich die erste innere Ohrfeige. Der Anästhesist, ein ziemlich unsympathischer Typ, kam, setzte 2x an dann saß die PDA. Sie saß um genau zu sein sogar perfekt. Ich spürte die Wehen noch, so dass ich hätte pressen können aber es war gut aushaltbar. Doch dann begann der Teufelskreis. .. Die Wehen ließen nach und ich musste an den Tropf. Eröffnet war ich mittlerweile komplett. Was aber irgendwie nicht kam war der Blasensprung. Die Hebamme fühlte nach, doch da War nichts. Ob ich was gemerkt hätte oder ob das Bett nass sei. Nein nichts… Hmmmmm Rätselraten. Gestern beim Ultraschall war ja noch Fruchtwasser da.

Der Tropf begann so langsam zu wirken und ich begann wieder zu atmen. Nach kurzer Zeit spürte ich langsam den Pressdrang. Die Maus hatte sich noch nicht komplett gedreht und rutschte immer wieder leicht zurück. Nach einer Weile wurde die Hebamme unruhig. Ich wusste nicht warum, aber ich spürte es. Kurze Zeit später kam sie mit der Assistenzärztin zurück. Diese erklärte mir, dass ich

  1. Fieber hätte, dass
  2. Meine Blase nicht gesprungen wäre, wohl also schon auf war und
  3. Die Herztöne unserer Tochter nicht ideal sein.

Sie nahm den Befund und war der Meinung, dass wenn ich presse sich schon etwas bewegt, die Werte aber nicht gut sind und Sie deshalb den Stationsarzt befragen müsse. Kurze Zeit später standen also 2 Hebammen (es war kurz vor Schichtwechsel), 1 Hebammen-Schülerin, 1 Assistenzärztin und ein Stationsarzt um mich rum. Der Arzt schaute auf das CTG, nahm wieder den Befund dachte nach und sagte die folgenschweren Worte, die noch heute laut in meinen Ohren schallen „Frau G., ich weiß, Sie haben bis hierher gekämpft aber die Herztöne Ihrer Tochter sind sehr schlecht, wir müssen einen Kaiserschnitt machen!“ In dem Moment als er begann zu sprechen, wusste ich was kommt. Ich wusste, dass jetzt das Schlimmste, was ich mir vorher vorstellen konnte, eintreten würde. Ich heulte los wie eine Verrückte. Er versuchte mich zu beruhigen „es ist wirklich notwendig“ ich sagte, ziemlich barsch „das sind die Hormone, natürlich müssen wir das machen“ Und dann ging alles verdammt schnell.

Die Hebammen kathetern mich erneut (das war bereits das 3x) und holten mir ein Bonding Top während die Ärzte raus stürmten. Eine Hebamme sagte dann noch, dass mein Mann mit rein könne, er bekäme dann OP Kleidung. Ich guckte ihn an und dachte nur „das will er nicht, er hasst Blut“ also sagte ich ihm, entgegen dem was ich fühlte, dass er nicht mit müsse, wenn er sich nicht dazu bereit fühle. Und dann war ich schon im OP. Das alles dauerte keine 5 Minuten. Der Anästhesist von der PDA war schon da. Zum Glück lag bereits die PDA ansonsten wäre nur noch eine Vollnarkose möglich gewesen. Dann begann man die PDA aufzuspritzen. Immer wieder fragte man mich ob ich die Kälte spüre. In völliger Panik davor etwas zu spüren sagte ich immer wieder „ja“ ich weiß nicht wie oft, auf jeden Fall durchschaute der Stationsarzt das irgendwann und meinte, dass wenn ich hier was spüre (quasi an der Brust) aber nicht hier, dann können wir jetzt loslegen.

Mein Mann war nicht da. Ich dachte er würde nicht wollen. Gott sei Dank fragte die Anästhesie-Schwester, wo denn der Vater sei. Und dann wurde mein Mann rein gelassen. Er wartete die ganz Zeit draußen.

Dann begann das für mich schmerzlichste und absurdeste, dass ich jemals in meinem Leben erlebt habe. Ich lag, fixiert wie am Kreuz auf einer Liege, spürte absolut nichts in meinem Körper. Es war unendlich hell. Um mich rum viele Menschen und vor mir ein grünes Tuch. Links die Schwester, an meinem Kopf der Anästhesist und rechts mein Mann der mich beruhigte. Es war ca. 6:50 als es losging. Der gesamte Tisch hat gewackelt, ich dachte ich fliege gleich runter. Am Blick meines Mannes konnte ich sein Entsetzen sehen, was da mit mir gemacht wurde. 6:54h und es gab einen lauten Schrei. Ich weinte und schrie, ich will Sie sehen. Dann lief jemand mit einem winzigen schreienden Bündel an mir vorbei. Ich konnte nichts erkennen. Nach ungefähr 2 Minuten kam ein Arzt und nahm meinen Mann mit. Er durfte bei Ihr sein als Sie abgesaugt und in Tücher gewickelt wurde und durfte das letzte Stück Nabelschnur abschneiden.

Während er weg war, passierte im OP folgendes: Die Hebamme kommt zurück und sagt „Er ist jetzt drüben“ ich total schockiert, konnte ja im vorbei rennen nichts erkennen frage den Anästhesisten an meinem Kopf „ Ist es jetzt ein Junge oder ein Mädchen?“ er „oh nicht drauf geachtet“ dann an den Arzt gewandt „War das jetzt ein Junge oder ein Mädchen“ er „Keine Ahnung“ ich lag da und dachte mir nur, klar ist ja nur ein Job Bauch aufreißen Kind entnehmen, Bauch flicken. Nach einer gefühlten Ewigkeit kam mein Mann zurück. Er steht neben mir mit unserer Tochter im Arm und ich gucke ihn völlig geschockt an und frage „Ist es jetzt ein Junge?“ er „Hä? Nein natürlich ein Mädchen“ und gab mir meine Tochter.

Naja, er legte Sie mir ins Bonding Top… Mit der einen Hand die ich etwas bewegen konnte streichelte ich ihren Kopf und weinte bitterlich… So sollte das alles nicht laufen. Warum ist das alles nur passiert? Und dann wurde mir unendlich schlecht. Ich vermute der Druck die Anspannung die Erkenntnis über meine verkorkste Geburt alles zusammen ließen meinen Magen durch drehen. Ich schaute meinen Mann an und sagte, nimm Sie mit rüber mir wird schlecht. Und so nahm er Sie und ging raus. Ich blieb, festgebunden und taub auf dem OP Tisch zurück und weinte erneut… 45 lange und quälende Minuten lag ich da und spürte wie man mich zunähte. Natürlich spürte ich nichts im eigentlichen Sinne, aber es ruckelte und wackelte. Zwischendurch kam ein Kollege rein und brachte etwas und er wurde gefragt, ob er denn auch zur Party käme. Was tat ich da?! Ware auf dem Tisch… Als sie fertig waren sprach die Assistenzärztin zu mir. Sie erklärte mir dass alles sehr gut vernäht wurde, das alles ohne Komplikationen ablief und (ja das teilte man mir im OP mit) dass ich jetzt ein Jahr lang nicht schwanger werden dürfe.

Und dann passierte etwas, dass ich nie, nie in meinem Leben vergessen werde. Etwas Banales, das aber unglaubliche Angst in mir hervorrief. Man hob mich vom OP Tisch ins Kreißsaal Bett. Niemand der es nicht erlebt hat kann sich vorstellen, was es bedeutet, wenn fremde Menschen einen bewegen und man wirklich taub ist, wirklich gelähmt. Oben rum spürte ich alles, aber natürlich war ich Brust abwärts taub und dieses Gefühl vergesse ich nie. Noch Tage danach habe ich davon geträumt.

Zurück im Kreißsaal durfte ich nun endlich unsere Tochter in den Arm nehmen. DSCF6440_AUSSCHNITTEs war das schönste Gefühl meines Lebens und dennoch war ich unendlich von Trauer erfüllt. Es schmerzt mich immer noch so sehr, wenn ich daran denke, dass uns diese ersten Momente, diese Glücksgefühle genommen wurden. Dennoch im dem Moment blieb die Welt stehen. Wir waren nur für uns und ich legte sie zum ersten Mal an. Ich war unendlich glücklich als sich unsere Tochter als kleines Naturtalent erwies. Sie wusste wie es geht und dafür bin ich im Nachhinein sehr dankbar. Wenn ich Sie schon nicht natürlich gebären konnte, so sollte zumindest unsere Stillbeziehung harmonisch verlaufen.

Noch am selben Tag bestand ich darauf aufzustehen. Die Schwestern wollten es mir nicht erlauben, aber ich habe darauf bestanden. Ich glaube es war ein persönlicher Drang zu zeigen, dass ich kein Weichei bin, denn so kam ich mir vor. Nicht in der Lage mein Kind auf die Welt zu bringen, zu schwach und zu weich. Nicht stark und nicht laut genug, zu unerfahren und zu wenig unterstützt. Nach ca. 8 Tagen versuchte ich die Schmerzmittel auf eigene Faust abzusetzen. Nach 14 Tagen war ich quasi beschwerdefrei. Die äußere Narbe verheilte schnell und sauber. Die Narbe auf meiner Seele wurde aber von Tag zu Tag größer.

Ich hatte Albträume und immer wenn ich eine natürlich Geburt sah oder jemanden von einer natürlichen Geburt erzählen hörte verfiel ich in eine unendliche Trauer. Ich recherchierte, las das Buch „Kaiserschnitt. Wie Narben an Bauch und Seele heilen können“ und verarbeitete langsam das Erlebte. Zu guter Letzt orderte ich noch meinen Geburtsverlaufsbericht aus dem Krankenhaus, der mich noch mehr aufwühlte als dass er mir nützte.

Heute ist mir vieles Klarer. War ich doch am Tag und auch Wochen danach so unendlich dankbar für die Hebamme die uns betreut hat, so bin ich heute am meisten von ihr enttäuscht. Sie hätte mich stärken müssen, sie hätte mich motivieren und an meine Kraft als Frau appellieren müssen. Mein Mann war dazu nicht in der Lage und das ist auch absolut verständlich. Er erlebte seine starke Frau in einem Ausnahmezustand sonders gleichen. Die Hebamme hingegen weiß, dass wir am Rande des Wahnsinns sind, wenn wir ein Kind gebären. Sie weiß aber auch, dass wir dazu gemacht sind. Ich fühlte mich mit meinem Schmerz allein gelassen. Und ich glaube auch, dass wir es zumindest einmal hätten probieren können. Die Entscheidung für den Kaiserschnitt kam so schnell. Beide Ärzte haben keine 5min geguckt oder getestet. Als Erstgebärende ist man unsicher. Man kennt die Schmerzen nicht, man kennt keine Statistiken. Es wird mit Angst gearbeitet und dann will man nur eins – das richtige tun.

Dankbar bin ich im Nachhinein für die PDA. Hätte ich eine Vollnarkose gehabt, wäre ich vermutlich wirklich daran verzweifelt. So habe ich zumindest ein bisschen das Gefühl mein Kind geboren zu haben, da ich wach war und Ihren ersten Schrei gehört habe. Trotzdem war auch die PDA meiner Meinung nach ein Auslöser für den Verlauf und den Ausgang der Geburt.

Nun ist fast ein Jahr vergangen. Ich habe noch immer nicht meinen Frieden machen können. Ich fühle mich immer noch als Versagerin und denke, dass der Kaiserschnitt unser Urvertrauen, das wichtige Bonding erschwert hat. Aber ich weiß eins, sollte ich noch ein Kind bekommen, wird das anders ablaufen. Ich weiß jetzt was auf mich zukommt. Ich habe keine Angst davor, im Gegenteil, ich stehe dem offen entgegen und vermutlich würde ich diesmal ein Geburtshaus dem Krankenhaus vorziehen. Vieles war einfach nur Routine. Diese schreckliche Atmosphäre im OP, die Art wie sich da unterhalten wurde, während ich da lag – wach. Auch wenn ich das Krankenhaus und die Abläufe sonst als sehr gut empfand. Die Angst, dass es wieder so läuft ist vermutlich zu groß.

Alles in Allem sehe ich dieses Erlebnis jetzt als ein Teil von mir. Ein Teil der das beste in meinem Leben hervorgebracht hat, auch wenn ich es uns für uns alle anders vorgestellt habe, so bin ich doch erfüllt von so viel Liebe, ob der Geburt unserer Tochter.

Eure Frau G.

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