10. Anekdote

Wir ziehen aus. Aus dem Krankenhaus. Heute erzähle ich Euch vom Auszug und der Heimkehr nach Hause.

Meine Zwillinge wurden mit 1,8 und 1,5 kg geboren. Nach 2 Wochen durfte die Große vom Inkubator ins Wärmebett umziehen. Das war ein Erfolg, denn das Wärmebett bedeutete, dass ich sie alleine hochnehmen durfte (ohne Erlaubnis der Schwestern) und das Wärmebett bedeutete auch, dass wir unserem Ziel nach Hause zu gehen etwas näher rückten.

Zum ersten Mal in ihrem Leben bekam Kind 1 also etwas angezogen und lag nun in einem kleinen Bett. Ungewohnt. Am nächsten Tag durfte auch Kind 2 ins Wärmebett ziehen und dann lagen sie endlich wieder zusammen. Eine Woche lang verbrachten wir so und hofften und bangten, dass die Bilirubinwerte unter den Grenzwert rutschen, damit wir nach Hause dürfen. Und Trinken mussten sie natürlich ausreichend alleine ohne mit der Magensonde nachgefüttert zu werden.

Wie die Große plötzlich unverhofft eine Mahlzeit an meiner Brust trank habe ich schon berichtet. Das war kurz vor unser Entlassung. Kind 1 hatte die 2 kg Gewicht geknackt und trank gut und ihre Bilirubinwerte waren in Ordnung. Sie wurde entlassen und als Begleitkind für ihre Zwillingsschwester aufgenommen. Das war ein schöner Moment, aber für mich sehr beunruhigend, denn plötzlich lag mein Baby „unbeaufsichtigt“ mit im Wärmebett auf der Station. Die Schwestern waren nicht mehr für sie zuständig sondern ich. Man versicherte mir zwar, dass man sich um sie kümmert, wenn sie weint, aber ich fühlte mich überhaupt nicht wohl mit dieser Situation. Ich hatte bereits während der ganzen Zeit dort unter anderem die Sorge, dass einer meine Babys klauen könnte. Insbesondere nachdem sie ins Wärmebett gezogen waren. Natürlich waren diese Ängste irrational, aber für mich waren sie real. Nun da Kind 1 nicht mehr an der Überwachung hing, stieg diese Angst nochmal deutlich an. Und was ist wenn sie plötzlich aufhört zu atmen? Keiner kriegt das mit. 😦 Was wenn sie weint und die Schwestern es im Schwesternzimmer nicht hören?

Die Schwestern versuchten mich zu beruhigen und meinten nur, dass zu Hause ja auch keine Geräte und Überwachung ans Kind angeschlossen wären, aber der Vergleich hinkte etwas, denn zu Hause war ich für meine Kinder verantwortlich und wäre bei ihnen. So eine Neo Schwester hat nachts 4-8 Babys zu „bewachen“. Das ist ein ganz klarer Unterschied. Fand ich.

Ich hatte tatsächlich in Erwägung gezogen Kind 1 mit mir ins Bett zu nehmen auf mein Zimmer, aber ich wollte sie auch nicht überfordern mit Eindrücken und Kind 2 alleine zu lassen war mir auch komisch… Zum Glück waren die Werte von Kind 2 am nächsten Tag schon besser, so dass ich darauf drängte nach Hause zu dürfen. Kind 2 hatte zu dem Zeitpunkt gerade mal 1,7 kg erreicht, aber sie machte sich gut und trank ihre Mahlzeiten am Finger auch schon fast komplett alleine.

Auf mein Drängeln hin stimmte der Arzt der Entlassung zu allerdings mit der Auflage, dass wir in zwei Tagen zur Kontrolle kommen müssen, um sicher zu gehen, dass der Bilirubinwert nicht wieder über die Grenze gestiegen ist. Ich war so froh. Es war schon später Nachmittag an dem Tag. Mein Mann hatte seinen letzten Arbeitstag und war gar nicht so begeistert mich und die Babys noch aus dem Krankenhaus holen zu müssen, aber ich wollte weg. Ich hatte so die Nase voll von dem Krankenhaus und allem was dazu gehörte. Er holte die Sitze und brachte Kleidung mit. Wir räumten das Zimmer aus in dem ich nun eine Weile gewohnt hatte und dann holten wir die Babys. Es war sehr ungewohnt. Sehr neu und dann aber auch sehr vertraut und schön.

Die Milch musste auch mit. Dafür hatten wir eine Kühltasche dabei. Ich hatte ziemlich viel Milch eingefroren im Krankenhaus.

Die Heimfahrt war ungewöhnlich für uns alle. Die Mädchen weinten. Sie waren nie gute Autofahrerinnen als Babys. Das wurde erst mit 2-3 Jahren besser. Jedenfalls wollte sie das gleich bei ihrer ersten Autofahrt klarstellen. 🙂 Wir mussten anhalten und sie beruhigen.

Zu Hause angekommen kuschelten wir erstmal ausgiebig und ich nahm sie beide nackelig auf meinen nackten Oberkörper damit sie erstmal eine vertraute Umgebung hatten. Das tat ihnen gut und mir auch. Nach nun fast 6 Wochen mal wieder zu Hause zu sein, war auch für mich ungewohnt.

Der eine Tag, den wir nun gewonnen hatten zu Hause zu verbringen, verging leider wie im Flug und schon waren wir wieder zurück im Krankenhaus zur Kontrolle des Bilirubinwertes von Kind 2. Es dauerte sehr lange bis sie den Wert im Labor ermittelt haben. Ich weiß es nicht mehr genau. Waren es 2 oder sogar 3 Stunden? Diese Stunden verbrachten wir übrigens in dem Raum, der eigentlich für Rooming-in zur Verfügung stand und den ich in den ganzen drei Wochen nicht benutzen durfte, weil er immer von einer anderen Mutter belegt war. Nun warteten wir also dort. Kind 1 konnte ich schon ganz gut mit Stillen beruhigen, aber Kind 2 war nicht so begeistert. Ein Glück waren wir zu Zweit und so war es nicht ganz so anstrengend mit den zwei Babys.

Endlich war das Warten vorbei. Der Arzt kam mit dem Ergebnis zurück. Der Wert sei wieder gestiegen und überschreite den Grenzwert jetzt um 0,1. Er haderte mit sich, aber wir durften wieder nach Hause gehen. Ich war so dankbar. Endlich frei. Endlich konnten wir als Familie starten und uns so richtig kennenlernen und beschnuppern.

Wir hatten es geschafft und nun ist es schon 8 Jahre her.

Das war die vorerst letzte Geschichte. Wenn ihr die anderen Anekdoten lesen mögt. Die findet ihr hier.

3 Gedanken zu “10. Anekdote

    • Ich danke Dir. Ja das war eine schwere Zeit für uns alle. Wo ich die Kraft dafür hergenommen habe frage ich mich oft… Jetzt sind sie schon so groß und es sollte eigentlich längst Vergangenheit sein. Leider hängt es immernoch etwas nach. 😦

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