10. Anekdote

Wir ziehen aus. Aus dem Krankenhaus. Heute erzähle ich Euch vom Auszug und der Heimkehr nach Hause.

Meine Zwillinge wurden mit 1,8 und 1,5 kg geboren. Nach 2 Wochen durfte die Große vom Inkubator ins Wärmebett umziehen. Das war ein Erfolg, denn das Wärmebett bedeutete, dass ich sie alleine hochnehmen durfte (ohne Erlaubnis der Schwestern) und das Wärmebett bedeutete auch, dass wir unserem Ziel nach Hause zu gehen etwas näher rückten.

Zum ersten Mal in ihrem Leben bekam Kind 1 also etwas angezogen und lag nun in einem kleinen Bett. Ungewohnt. Am nächsten Tag durfte auch Kind 2 ins Wärmebett ziehen und dann lagen sie endlich wieder zusammen. Eine Woche lang verbrachten wir so und hofften und bangten, dass die Bilirubinwerte unter den Grenzwert rutschen, damit wir nach Hause dürfen. Und Trinken mussten sie natürlich ausreichend alleine ohne mit der Magensonde nachgefüttert zu werden.

Wie die Große plötzlich unverhofft eine Mahlzeit an meiner Brust trank habe ich schon berichtet. Das war kurz vor unser Entlassung. Kind 1 hatte die 2 kg Gewicht geknackt und trank gut und ihre Bilirubinwerte waren in Ordnung. Sie wurde entlassen und als Begleitkind für ihre Zwillingsschwester aufgenommen. Das war ein schöner Moment, aber für mich sehr beunruhigend, denn plötzlich lag mein Baby „unbeaufsichtigt“ mit im Wärmebett auf der Station. Die Schwestern waren nicht mehr für sie zuständig sondern ich. Man versicherte mir zwar, dass man sich um sie kümmert, wenn sie weint, aber ich fühlte mich überhaupt nicht wohl mit dieser Situation. Ich hatte bereits während der ganzen Zeit dort unter anderem die Sorge, dass einer meine Babys klauen könnte. Insbesondere nachdem sie ins Wärmebett gezogen waren. Natürlich waren diese Ängste irrational, aber für mich waren sie real. Nun da Kind 1 nicht mehr an der Überwachung hing, stieg diese Angst nochmal deutlich an. Und was ist wenn sie plötzlich aufhört zu atmen? Keiner kriegt das mit. 😦 Was wenn sie weint und die Schwestern es im Schwesternzimmer nicht hören?

Die Schwestern versuchten mich zu beruhigen und meinten nur, dass zu Hause ja auch keine Geräte und Überwachung ans Kind angeschlossen wären, aber der Vergleich hinkte etwas, denn zu Hause war ich für meine Kinder verantwortlich und wäre bei ihnen. So eine Neo Schwester hat nachts 4-8 Babys zu „bewachen“. Das ist ein ganz klarer Unterschied. Fand ich.

Ich hatte tatsächlich in Erwägung gezogen Kind 1 mit mir ins Bett zu nehmen auf mein Zimmer, aber ich wollte sie auch nicht überfordern mit Eindrücken und Kind 2 alleine zu lassen war mir auch komisch… Zum Glück waren die Werte von Kind 2 am nächsten Tag schon besser, so dass ich darauf drängte nach Hause zu dürfen. Kind 2 hatte zu dem Zeitpunkt gerade mal 1,7 kg erreicht, aber sie machte sich gut und trank ihre Mahlzeiten am Finger auch schon fast komplett alleine.

Auf mein Drängeln hin stimmte der Arzt der Entlassung zu allerdings mit der Auflage, dass wir in zwei Tagen zur Kontrolle kommen müssen, um sicher zu gehen, dass der Bilirubinwert nicht wieder über die Grenze gestiegen ist. Ich war so froh. Es war schon später Nachmittag an dem Tag. Mein Mann hatte seinen letzten Arbeitstag und war gar nicht so begeistert mich und die Babys noch aus dem Krankenhaus holen zu müssen, aber ich wollte weg. Ich hatte so die Nase voll von dem Krankenhaus und allem was dazu gehörte. Er holte die Sitze und brachte Kleidung mit. Wir räumten das Zimmer aus in dem ich nun eine Weile gewohnt hatte und dann holten wir die Babys. Es war sehr ungewohnt. Sehr neu und dann aber auch sehr vertraut und schön.

Die Milch musste auch mit. Dafür hatten wir eine Kühltasche dabei. Ich hatte ziemlich viel Milch eingefroren im Krankenhaus.

Die Heimfahrt war ungewöhnlich für uns alle. Die Mädchen weinten. Sie waren nie gute Autofahrerinnen als Babys. Das wurde erst mit 2-3 Jahren besser. Jedenfalls wollte sie das gleich bei ihrer ersten Autofahrt klarstellen. 🙂 Wir mussten anhalten und sie beruhigen.

Zu Hause angekommen kuschelten wir erstmal ausgiebig und ich nahm sie beide nackelig auf meinen nackten Oberkörper damit sie erstmal eine vertraute Umgebung hatten. Das tat ihnen gut und mir auch. Nach nun fast 6 Wochen mal wieder zu Hause zu sein, war auch für mich ungewohnt.

Der eine Tag, den wir nun gewonnen hatten zu Hause zu verbringen, verging leider wie im Flug und schon waren wir wieder zurück im Krankenhaus zur Kontrolle des Bilirubinwertes von Kind 2. Es dauerte sehr lange bis sie den Wert im Labor ermittelt haben. Ich weiß es nicht mehr genau. Waren es 2 oder sogar 3 Stunden? Diese Stunden verbrachten wir übrigens in dem Raum, der eigentlich für Rooming-in zur Verfügung stand und den ich in den ganzen drei Wochen nicht benutzen durfte, weil er immer von einer anderen Mutter belegt war. Nun warteten wir also dort. Kind 1 konnte ich schon ganz gut mit Stillen beruhigen, aber Kind 2 war nicht so begeistert. Ein Glück waren wir zu Zweit und so war es nicht ganz so anstrengend mit den zwei Babys.

Endlich war das Warten vorbei. Der Arzt kam mit dem Ergebnis zurück. Der Wert sei wieder gestiegen und überschreite den Grenzwert jetzt um 0,1. Er haderte mit sich, aber wir durften wieder nach Hause gehen. Ich war so dankbar. Endlich frei. Endlich konnten wir als Familie starten und uns so richtig kennenlernen und beschnuppern.

Wir hatten es geschafft und nun ist es schon 8 Jahre her.

Das war die vorerst letzte Geschichte. Wenn ihr die anderen Anekdoten lesen mögt. Die findet ihr hier.

9. Anekdote

Es ist soweit auch die letzten zwei Erinnerungen aufzuarbeiten. Heute erzähle ich über den Hüftultraschall von Kind 2. Für alle, die es noch nicht wissen, meine Zwillinge sind 7 Wochen zu früh geboren. Die anderen Anekdoten könnt ihr hier nachlesen.

Kind 2 war unterversorgt im Mutterleib und kam mit 1,5kg auf die Welt. Sie ist unser Sorgenkind gewesen. Schon vor der Geburt und auch nach der Geburt machten wir uns große Sorgen um sie.
Nun stand ihr (regurlärer) Hüftultraschall an. Ich durfte dabei sein. Die Ärztin nahm mein Kind mit und trug sie durch den Wartebereich der Kinderklinik in einen Untersuchungsraum. In der Kinderklinik war an diesem Tag ein Weihnachtsbasar und es war sehr voll. Ich hatte große Angst vor Ansteckung, die ein Frühchen sehr schwächen könnte. Um die Neonatologie zu betreten musste man sich desinfizieren, aber hier war mein Mini-Baby quasi allem „frei ausgesetzt“. Später sah ich, dass es durchaus mobile Ultraschallgeräte gibt. Warum ein solches Gerät hier nicht zum Einsatz kam, weiß ich nicht. Eine der vielen Fragen, die ich mir stelle, wenn ich an diese Untersuchung zurückdenke.
Meine Kleine war in der Zeit die Kleinste/Leichteste auf der Station. So lag sie nun auf dem Untersuchungstisch. Unten ohne. Das kalte Gel mit dem Ultraschallkopf auf ihrer Hüfte. Sie bepullerte sich und meckerte. Ich versuchte sie zu trösten, aber hochnehmen konnte ich sie nicht, denn sie wurde untersucht. Die Oberärztin machte den Ultraschall während sie einer zweiten Ärztin erklärte was sie tut. Nicht etwa mir…

Als sie fertig war übergab die den Ultraschallkopf ihrer Kollegin und die machte denselben Ultraschall nochmal. Meine Kleine bepullerte sich ein zweites Mal und weinte inzwischen recht heftig. Als die Damen endlich fertig waren, durfte ich mein Kind hochnehmen und dann wurde ich mit meinem Baby zurück zur Neo geschickt. Keiner hat mir etwas erklärt und ich wurde aus dem Raum geschickt während sich die Frauen noch unterhielten. In meiner Erinnerung war es auch so ein Abwinken ala „Sie können jetzt gehen, wir brauchen Sie hier nicht mehr“. Es war das erste Mal, dass ich mein Kind ohne Kabel halten und tragen durfte. Ohne Aufsicht. So als wäre ICH wirklich ihre Mama… Frei zu gehen wohin ich will… Ihr könnt Euch dieses Gefühl vielleicht gar nicht vorstellen.

Ich bin natürlich schnell mit ihr zurück zur Station. Ich drängelte mich mit meinem Frühchen an den Menschen vorbei, die zum Weihnachtsbasar gekommen waren. Eine surreale Situation. Ich hatte große Angst um mein Baby und es wurde mir bewußt was da gerade passiert war. Die Oberärztin hatte mein Baby „benutzt“ um der noch lernenden Ärztin den Ultraschall beizubringen.

Es macht mich heute noch unglaublich wütend. Ich könnte schreien vor Wut. Ausgerechnet am kleinsten Baby der Station muss die nun den Ultraschall lernen? Warum wird man als Elternteil darüber nicht wenigstens informiert geschweige denn um Erlaubnis gebeten? Was soll denn das eigentlich?
Diese Hilflosigkeit und Ohnmacht… diese Übermacht der Ärzte und Schwestern ist sehr präsent und es ist einfach nur schrecklich für die Eltern.

Meiner Kleinen ist nichts passiert, aber mit mir hat dieses Erlebnis viel gemacht. Dieses Erlebnis hat mich wirklich fertig gemacht. Zusammen mit den anderen Anekdoten führt es dazu, dass ich nicht gerne an unsere Zeit im Krankenhaus zurückdenke.

Aber das weiß sicher jeder, der alle Anekdoten gelesen hat.

 

 

7. Anekdote

Heute gibt es die siebte Geschichte aus unserer Zeit im Krankenhaus. Die anderen Sechs könnt ihr hier lesen.

Schon wenige Tage nach der Geburt war klar, dass die kleinen Körper meiner Mädchen nicht mit der Neugeborenen-Gelbsucht klarkommen. Die Blutwerte übersteigen irgendwelche festgelegten Grenzen erklärt uns der Arzt oder war es eine Ärztin?

Was bedeutet das?

Ab jetzt müssen die Mädchen mehrere Stunden am Tag unter einer Blaulichtlampe liegen. Wir können dadurch weniger kuscheln. Im Fachjargon auch känguruhen genannt. Ich glaube es waren immer 4 Stunden Blaulicht und 4 Stunden Pause. Das Ganze 24 Stunden lang.

Es gibt eine Blaulichtlampe, die man unter das Baby schieben kann beim Kuscheln auf Mamas Brust, aber ob genug Blaulicht an den kleinen Körper kommt, wissen die Schwestern und Ärzte nicht. Daher wollen sie es nicht so häufig.

Erstmal benötigt nur Kind 2, also die Kleinere von Beiden, Blaulicht, aber schon am nächsten Tag folgt Kind 1.

Von nun an heißt es bangen um diesen blöden Bilirubinwert. Ich trinke fleißig Löwenzahntee. Das soll helfen die Verdauung anzuregen und damit den Abbau des Bilirubins im Körper beschleunigen. Also bei mir wirkt es. Meine Verdauung funktioniert dadurch einwandfrei. Leider senkt sich der Wert bei den Mädchen nicht sehr schnell und wir müssen immer wieder unter die Lampe.

Einmal müssen so viele Kinder auf der Station behandelt werden, dass die Lampen nicht ausreichen und sie meine Mädels zusammen in einen Brutkasten legen und gemeinsam bestrahlen. Was für ein schöner Moment. Endlich sind sie nicht so alleine, wenn ich sie mal nicht auf der Brust habe. Ein schönes Gefühl. Warum sie das nicht dauerhaft möglich machten, frage ich mich oft im Nachhinein. Gefühlt würde ich sagen, waren sie ein bisschen ruhiger als sie zusammen lagen. Aber das kann auch meine eingebildete Erinnerung sein.

Was es mit dieser Blaulichlampe auf sich hat könnt ihr bei Wikipedia nachlesen im Bereich Phototherapie. Die Therapie ist nicht ganz ungefährlich. Sie kann die Netzhaut schädigen und sie trocknet die Haut aus. Wenn die Kinder sich die „Brille“ vom Kopf gerubbelt haben, dann habe ich mir immer große Sorgen gemacht. Und ich war wütend, dass die Schwestern das nicht gesehen haben. Oft wurde die Schutzbrille auch gar nicht richtig aufgesetzt. 😦

Aber zum Glück haben wir keinen bleibenden Schaden an den Augen davon getragen. Leider weiß man das nicht, wenn man im Krankenhaus um sein Kind bangt.

Übrigens ist ja das Schlafen bei Licht sehr umstritten und dieses sehr intensive Licht und dann auch noch blau… Wer weiß warum die Zwei noch lange Zeit rekordverdächtig schlecht geschlafen haben? Heute ist das zum Glück besser.

6. Anekdote

Seid ihr bereit für noch eine Geschichte aus unser Krankenhauszeit?

Meine Babys sind endlich beide ins Wärmebettchen umgezogen und sie liegen zusammen in einem Bett. Es ist so schön sie zusammen zu haben und nicht mehr in zwei seperaten Inkubatoren.
Ich habe darum gebeten für den Rooming-In-Raum als nächstes auf die „Warteliste“ zu kommen. Mit zwei Brutkästen in den Raum zu ziehen ist nicht möglich, aber mit dem einen Wärmebettchen wäre es möglich.

Mir wird zugesagt, dass die Frau morgen ausziehen wird und ich dann mit den Zwillingen in den Raum kann. Es wäre eine riesige Erleichterung. Keine 3-4 Etagen Krankenhaus mehr zwischen uns während ich schlafe. Ich wäre da. Es würde sich nach Nähe anfühlen. 🙂 Ich bin total froh. Berichte meinem Mann davon. Er ist auch so froh, denn er weiß und merkt natürlich was für eine emotionales kleines häufchen Elend ich bin. Die Zeit hier im Krankenhaus zermürbt mich.

Leider kommt später am selben Tag die Ordensschwester zu mir. (Es ist ein kirchliches Krankenhaus und sie kommt öfters zu mir.) Heute kommt sie mit schlechten Nachrichten. Sie teilt mir mit, dass ich leider nicht in den Raum einziehen kann mit dem Mädchen, weil sie eine Frau haben deren Baby im Sterben liegt und sie dieser Frau das Vorrecht eingeräumt haben und sie hoffen auf mein Verständnis.
Ich weiß es ist nicht richtig, aber ich habe kein Verständnis. 😦 Ich bin unendlich traurig und wütend. Natürlich sage ich davon nichts. Behalte alle meine Gefühle für mich.
Ich sehe die Frau später in den Raum einziehen und weiß, dass sie es dringend benötigt, aber mein Herz weint. Ich versuche nicht so selbstsüchtig zu sein, aber ich will, ich will, ich will. Mein inneres Kind stampft, schreit und weint. Mein äußeres Ich verzieht keine Miene.

In meiner Erinnerung geht die Frau mit ihrem Baby nach Hause am selben Tag an dem auch wir endlich die Klink verlassen können und dieser Raum bleibt leer, weil ihn keiner benötigt… Unfair finde ich das. Warum war der nie frei als ich ihn brauchte. 😦 Aber es kann sein, dass mich meine Erinnerung hier auch trügt.

Es war ein schwerer Tag für mich. Mein Mann kam am Abend und versuchte mich zu trösten, aber es half wenig. Noch heute stehen mir die Tränen in den Augen und das Herz wird mir schwer…

 

 

4. Anekdote 

Schon bei einer, der ersten Untersuchungen der Babys hat man uns gesagt, dass Kind 2 ein auffälliges Herzgeräusch hat. Sehr beunruhigend sowas zu hören, aber das ist man ja fast gewöhnt als Frühcheneltern.

Uns wurde gesagt, dass ein Ultraschall gemacht werden wird um das abzuklären. So weit, so gut. Ich bitte darum auf jeden Fall dabei seien zu können.

Es vergeht ein Tag nach dem anderen, aber der Ultraschall wird immer wieder verschoben. Als besorgte Mutter frage ich regelmäßig nach, was denn mit dem Ultraschall ist und bekomme die Antwort, dass ich Bescheid bekomme, wenn es soweit ist. Man muss schon einiges abkönnen auf so einer Station, wo man nicht der Einzige ist mit Sorgen. Das ist mir durchaus bewusst. Leider ist mir dieses dicke Fell nie wirklich gewachsen und spätestens nach der anstrengenden Schwangerschaft und nach dem Kaiserschnitt und nach der zermürbenden Zeit hier im Krankenhaus bröckelt mein Nervenkostüm nur noch vor sich hin. Ich meine wir sprechen hier von einem auffälligen Herzgeräusch bei einem Baby das mit 1,5 kg auf die Welt kam… 

Ich warte also mehr oder weniger geduldig. Ich bin übrigens fast immer bei den Mädchen ausgenommen zu den Mahlzeiten, an die ich mich erinnern muss, damit ich sie nicht vergesse und die ich auch nur einhalte, weil ich weiß dass mir sonst vielleicht die Milch wegbleibt. Ich bin also immer da. Streichele, füttere und habe sie so oft es geht auf der Brust zu liegen.

Nachts zwinge ich mich 4-6 Stunden schlafen zu gehen in mein Zimmer, das mir vom Krankenhaus zur Verfügung steht. Lieber würde ich bei meinen Mädchen schlafen, aber der eine Raum, der für Rooming-in zur Verfügung steht ist dauerbelegt. 😦 Aber zurück zum Ultraschall. Ich betone meine Anwesenheit deshalb so sehr, weil mich das Erlebte bis heute maßlos ärgert.

Es ist Nacht. Ich schlafe in meinem Zimmer seit etwa einer Stunde. Da klingelt mein Telefon. Ich schaffe es gerade so ranzugehen. Die Stimme der Schwester sagt zu mir, dass sie gerade schon auflegen wollte. Aha. Ja nachts um 1 oder 2 Uhr bin ich nicht ganz so schnell am Telefon. Es tut mir leid. Nicht!

Es ginge um mein Kind. Hier steht dass die Mutter dabei sein möchte beim Ultraschall, ob das richtig sei. Ja ist richtig. Na dann sollte ich mich beeilen. Die Ärztin hat mein Baby schon in der Hand. Bitte wie? Ich komme.

Ich ziehe mir einen Bademantel an und hetze zur Neonatologie. Es dauert einen Moment bis man mit dem Fahrstuhl unten ist und dann desinfizieren und so. Ich komme an und da wird meinem Baby gerade die Brust abgewischt. Fertig, verkündet die Ärztin stolz und sagt mir dass alles in Ordnung ist mit dem kleinen Herzen.

Ich bin fassungslos. Wütend. Traurig. Erleichtert. Müde. Erschöpft. Wütend!!! Sehr sehr wütend. Aber ich sage nichts. Ich habe einfach keine Kraft mehr.

Ich warte tagelang auf diesen Ultraschall. Bin immer da außer nachts wenn ich mal ein wenig Schlaf tanke um dann den nächsten Tag zu meistern. Und dann können sie nicht mal 10 Minuten warten bis ich auf der Station angekommen bin? Nachts? Vielleicht hätte ich mein Baby gerne selbst ausgezogen? Gerne selbst der Ärztin übergeben? Oder wenigstens gerne selbst den Ultraschall gesehen auch wenn ich davon natürlich sowieso nichts verstehe. Einfach nur so, weil ich eben die Mutter meines Babys bin…

Ich habe nur eins dazu zu sagen: großes Unverständnis wie man so wenig Mitgefühl haben kann mit den Eltern.

Nebenbei versuchte mein Körper auch noch eine relativ große Operation zu heilen. Nur so nebenbei… Ach man. Ich merke wie sehr die Wut immer noch nach acht Jahren präsent ist. 

Wann kann ich das loslassen?

Hier findet ihr die anderen Anekdoten.

Welt-Frühgeborenen-Tag

Meine Zwillinge waren Frühchen. Sieben Wochen und einen Tag sind sie zu früh zur Welt gekommen. Ich habe hier schon über Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett berichtet, aber über die Gefühle habe ich noch nicht richtig gesprochen und das fällt mir auch immernoch sehr schwer.

Ich hatte das „Glück“, dass ich wusste, dass meine Kinder Frühgeborene seien werden. Sehr früh in der Schwangerschaft zeichnete sich ab, dass wir nicht bis zum Ende der Schwangerschaft aushalten werden und so konnte ich mich im Vorfeld mit dem Gedanken anfreunden beschäftigen und vor allem mich belesen.

Ich lass eine Broschüre über das Stillen von Frühchen von der LLL. Ich habe sie später dann einer anderen betroffenen Mutter weitergegeben. Außerdem habe ich ein Buch gelesen, das mich sehr gut vorbereitet hat. Es hat mich einerseits traurig gestimmt, aber andererseits auch stark gemacht gegenüber Schwestern, Ärzten und Krankenhaus und für meine Babys.
Dabei hatten wir schon ein sehr gutes Krankenhaus, das kann ich jetzt mit Abstand zum Erlebten schon sagen.

Das Buch hat den Titel „Frühgeborene brauchen Liebe: Was Eltern für ihr ‚Frühchen‘ tun können“ von Kornelia Strobel (ISBN 978-3466341924).

Mehr wollte ich heute nicht mit Euch teilen. Ich merke, dass das Thema mich immernoch bewegt, obwohl es schon 8 Jahre her ist.

Ab morgen will ich ein paar Erinnerungen aus dem Krankenhaus teilen.

 

Trilogie Teil 3: Wochenbett im Krankenhaus

Über die Schwangerschaft und die Geburt meiner Zwillinge habe ich schon berichtet. Nun geht es weiter mit unser Zeit im Krankenhaus.

Meine Mädels wurden in der Nacht per Kaiserschnitt geboren und sind dann sofort auf die Neonatologie gekommen. Mein Mann durfte zu ihnen gehen und ich erholte mich etwas von den Strapazen und Nachwirkungen der Operation. Mein Mann kam zu den Mädchen als sie gerade in ihre neuen Betten einzogen. Kind 2 lag schon im Brutkasten und Kind 1 wurde gerade hineingelegt.

Kurze Zeit später durfte ich auch zu den Mädchen. Sie schoben mein Bett zwischen die Brutkästen und ich war einfach nur dankbar, dass beide Babys lebten. Ich erinnere mich sehr wenig an diese Momente. Es war einfach surreal, dass ich nun nicht mehr schwanger war und stattdessen meine Kleinen in diesen Kästen lagen und so fern waren wo sie doch eigentlich noch 7 Wochen in meinen Bauch gehört hätten…Emma und Laila

Ich wurde dann gefragt ob ich Kind 1 gerne auf die Brust haben möchte. Natürlich. Was für eine Frage. Ich war sehr überrascht von der Frage, weil ich damit nicht gerechnet habe, aber so dankbar, dass ich sie bei mir haben durfte. Es war das schönste Gefühl der Welt. Mir kommen die Tränen während ich das schreibe.
Die Schwester legte mir meine Kleine auf die Brust und deckte uns beide gut zu. Es war einfach toll. Viel gesehen habe ich von der Kleinen dann zwar nicht, aber ich spürte sie. Mehr war nicht nötig. Die zweite Schwester, die sich um Kind 2 kümmerte sagte dann, dass auch ihre Temperatur sich reguliert hat und sie gerne auch zu mir auf die Brust kann. Ich war überglücklich. Es war allerdings auch ein wenig beunruhigend da meine Kleine eine sehr große Maske auf dem Kopf hatte. Sie bekam CPAP und das half ihr beim Atmen. Ich weiß noch, dass es sehr laut war und man ihr Gesicht kaum sehen konnte. Trotzdem war es sehr schön. Endlich fühlte alles sich wieder halbwegs richtig an.

Insgesamt ging alles ziemlich schnell. Etwa eine Stunde nach der Geburt waren wir drei wieder vereint.

Mein Mann ging dann die Verwandtschaft per Telefon wecken und berichtete allen, dass wir nun Eltern von zwei gesunden Frühchen-Mädchen waren.

Ich weiß nicht mehr warum, aber irgendwann wurde ich zurück auf die Station gebracht.  Sobald meine Babys nicht mehr auf meiner Brust lagen merkte ich die Schmerzen der OP. Die waren auf einen Ruck ziemlich heftig. Ich bekam dann Schmerzmittel über den Tropf und die Schwester erklärte mir, dass es ganz normal sei, dass man den Schmerz weniger wahrnimmt solange man bei seinen Babys ist. Und tatsächlich stellte ich das Phänomen noch ein paar Male fest in den folgenden Tagen. Überhaupt fand ich die Schmerzen sehr anstrengend und die Nachwehen sehr unangenehm. 😦

Zurück auf der Station war ich in einem riesen Chaos. Die Station zog ausgerechnet an dem Tag um in eine modernisierte Station ein Stockwerk tiefer. So wurde mein Schrank geleert und lag auf meinem Bett und keine der Schwestern hatte so richtig Zeit. Es wäre z.B. auch ganz gut gewesen mal Milch zu pumpen oder Ähnliches. Ich hatte etwas Frühstück und telefonierte mit Freunden.
Einer meiner Bettnachbarinnen fiel auf, dass mein Urinbeutel fast voll war. Ich musste dann mal klingeln, damit sich jemand auch mal darum kümmert… Es war wirklich sehr chaotisch auf der Station. Ich wollte dann auch zu meinen Babys zurück. Auch das ging nicht, weil keiner Zeit hatte mich vorher noch umzuziehen… Alles komisch. Insgesamt verstrich der ganze Vormittag und dann wurde ich Mittags irgendwann endlich umgezogen auf die neue Station. Mein Mann war vormittags nach Hause gefahren um ein paar Sachen zu packen für das Familienzimmer und um sich frisch zu machen. Er kam dann schnellstmöglich zurück und ich schickte ihn zu den Mädchen. Ich glaube er durfte zusehen beim Baden und auch selbst wickeln. Das war sicher ein schöner Moment für ihn.

Nachdem ich umgezogen war in ein komplett neues schönes Elternzimmer zusammen mit meinem Mann, wollte ich den Rest der Zeit gerne bei meinen Babys verbringen. Ich hatte sie ganz viel auf der Brust. Das war sehr heilsam. Der Kopf von Kind 2 war leicht verformt durch die CPAP-Maske. Das war alles sehr erschreckend und unheimlich. Überall Geräte und Zugänge. Auf dem Körper klebten drei Sonden, die die Vitalfunktionen maßen und am Fuß klemmte ein Messgerät für die Sauerstoffversorgung im Blut. Uns wurde viel erklärt. Ich durfte übrigens auch gleich nach der Geburt beide Babys anlegen (noch in der Nacht bzw. am frühen Morgen). Das war allerdings sehr unbeholfen. Die Schwestern legten mir beide Babys an. Sie nahmen meine Brust in die Hand und stopften halfen mir sie den kleinen Mini-Babys in den Mund zu stecken. Eine Situation, die ich ehrlich gesagt als sehr entwürdigend empfand. Ich weiß, dass sie es gut gemeint haben, aber ich war ja das erste Mal Mutter. Hatte noch keine Stillerfahrungen und sollte nun zwei Mini-Babys stillen. Gleichzeitig. Ich war total überfordert beide zu halten und gleichzeitig zu wärmen und dann hatte noch jede der Schwestern eine meiner Brüste in der Hand… es ging gar nichts. Die Mädchen wurden unruhig und sicher auch weil ich die Situation einfach nur unangenehm fand. Ich hätte es schöner gefunden erstmal nur ein Baby stillen zu können. Das Zwillingsstillen ist wichtig (keine Frage), aber um das Stillen zu „lernen“, wäre das auf jeden Fall der bessere Weg gewesen. Zumindest für mich.

Ich habe noch gar nicht erwähnt wie klein meine Mini-Babys eigentlich waren. Kind 1 hatte 1,8 kg und Kind 2 hatte 1,4 kg. Sie waren beide etwas mehr als 40 cm klein. 😦

Ich durfte immer wieder mal Anlegen. Ich hatte dann auch die Kraft die Schwestern zu bitten mir nur ein Baby anzulegen. Das klappte dann besser, aber die Zwei waren zu schwach und müde um tatsächlich zu stillen und die Milch in Gang zu bringen. Ich durfte dann pumpen. So richtig gezeigt hat mir das keiner. Nach drei Tagen hatte ich immernoch keine Milch. Nicht sehr feinfühlig wurde ich drauf hingewiesen, dass nun die Babys Pre-Nahrung bekommen werden, wenn ich es eben nicht schaffe Milch zu produzieren. Mich machte das fertig. Die Schwestern auf der Wochenbettstation bekamen meine Verzweiflung mit und nun bekam ich Hilfe. Sie gaben mir auch irgendwelche Magen-Tropfen und dann floß bald endlich das weiße Gold und damit hätte ich noch zwei weitere Babys füttern können. Wenigstens eine Sache, die wirklich gut lief. 🙂 Es war so ein schönes Gefühl, dass meine Babys meine Milch bekamen und es war sehr interessant zu sehen wie sich die Farbe meiner Milch im Laufe der kommenden Tage veränderte. Die Pumperei fand ich aber überhaupt nicht angenehm und habe nach etwa 5-6 Wochen damit aufgehört und nie wieder gepumpt, weil ich es schrecklich fand. Meine Mädels haben dann endlich beide an der Brust gestillt. Sobald wir zu Hause waren, war es in kurzer Zeit geschafft beide auf die Brust umzugewöhnen. Kind 1 innerhalb von einer Woche. Kind 2 über Stillhütchen und dann ohne Hütchen innerhalb von etwa 3 Wochen.

Im Krankenhaus verbrachten wir insgesamt drei Wochen. Ich war sehr froh, dass es nicht 7 Wochen waren. Das stand in dem Buch über Frühchen, das ich gelesen hatte, dass man sich auf einen Krankenhausaufenthalt von etwa der Zeit einstellen soll, die die Kinder zu früh geboren wurden.
Nach zwei Wochen durfte Kind 1 ins Wärmebettchen und einen Tag später auch Kind 2 dazu. Endlich waren sie wieder vereint. Sie durften zusammen in einem Wärmebettchen liegen. Es wurde mir warm ums Herz sie endlich wieder zusammen zu sehen.CIMG4341
Auch im Brutkasten durften sie ein paar Stunden zusammen liegen, weil auf der Frühchenstation nicht genug Blaulichtlampen zur Verfügung standen, um die Neugeborenengelbsucht zu behandeln, so dass die Mädchen zusammen in einen Brutkasten gelegt wurden. Warum das nicht auch ohne die Behandlung ging, ist mir ein Rätsel. Ich hätte noch beharrlicher darauf bestehen sollen, denn es war einfach ein sehr herziger Anblick sie zusammenliegen zu sehen.

Im Rückblick fand ich unseren Krankenhausaufenthalt wirklich schlimm. Ich habe viel geweint und war verzweifelt. Mir fehlte die Kraft mich zu wehren. Mir fehlte die Zeit mich um mich zu kümmern. Ich verbrachte etwa 18 Stunden bei meinen Mädchen. Ich sang für sie. Las ihnen vor. Ich hatte sie auf der Brust oder hielt ihre Händchen. Streichelte. Die restlichen 6 Stunden verbrachte ich mit Essen, wenn ich es nicht vergaß und mit Schlafen. Ich pumpte die Milch bei den Mädchen, denn dann lief es am Besten. Nach 10 Tagen Wochenbettstation kam ich in ein kleines Appartment für Eltern, die bei ihren Kindern im Krankenhaus bleiben. Das war schön. Ich verbrachte dort aber nur Zeit, wenn ich schlief.

Die Mädchen nahmen gut zu. Mussten aber über die Magensonde ernährt werden, weil sie viel zu müde zum Stillen waren. Und die Gelbsuchtwerte waren nicht gut. Ansonsten ging es ihnen sehr gut. Kind 2 verbrachte nur 24 Stunden am CPAP und konnte dann alleine atmen. Immer wieder musste mal ein neuer Zugang gelegt werden oder eine neue Magensonde eingeführt.
Am Schlimmsten aber fand ich zwei Untersuchungen. Einmal war es der Hüftultraschall von Kind 2. Ich hatte darum gebeten bei allen Untersuchungen dabei zu seien. Sie war ein paar Tage alt. Wir kamen in einen Untersuchungsraum. Es war das erste Mal, dass ich sie überhaupt einfach so auf dem Arm hatte und trug. Sie bepullerte sich während der Untersuchung und lag dann klein und nackig im Kalten. Die Oberärztin machte einen Ultraschall. Dann machte die zweite Ärztin einen Ultraschall. Meine Kleine weinte dann und die Ärztin sagte ich kann mit ihr zurück zum Brutkasten gehen. Ich nahm mein 1,5 kg Baby und trug sie zurück zur Neo durch den gesammten Kinderkrankenhaus Wartebereich. Es war eine schreckliche Situation. Ich hatte Sorge, das meine Kleinste sich mit irgendwas ansteckt. Wenn man in die Neo wollte, dann musste man sich Hände und Arme desinfizieren, aber hier durfte ich sie an allen kranken Kindern vorbeitragen?
Erst später wurde mir bewusst, dass die Oberärztin der zweiten Ärztin erklärt hat wie man den Ultraschall macht. Mein Baby wurde also als Lehrmaterial benutzt gebraucht. Ich fand das unmöglich. Sie war die Kleinste auf der ganzen Station. Hatten die kein größeres fitteres Baby an dem die junge Ärztin das lernen kann? Ich war stinksauer. Leider hatte ich überhaupt keine Kraft mich zu wehren und meiner Wut Gehör zu verschaffen. 😦

Die zweite schlimme Untersuchung (von vielen Anderen natürlich) war ein Herzultraschall. Bei der U2 wurde ein Herzgeräusch festgestellt und mir wurde gesagt, dass sie einen Ultraschall machen werden. Ich habe ausdrücklich gesagt, dass ich dabei sein möchte.
Nun war ich quasi immer bei den Mädchen. Nur zum Essen und zum Schlafen verließ ich die Station. Wie schon erwähnt waren das ungefähr 6 von 24 Stunden, die ich nicht dort verbrachte… Ich ging also schlafen und wurde vom Telefon geweckt. Der Ultraschall würde jetzt gemacht werden, ob ich wirklich noch dabei sein will… ich müsste mich aber beeilen, denn die Ärztin hat mein Baby schon in der Hand.Was soll denn das? Ich zog mir schnell einen Bademantel über und lief durch das Krankenhaus zur Neo. Dort angekommen war der Schall schon fast fertig. Alles ok mit meinem Babyherzchen. So ein Glück!
Aber wäre es denn so schwer gewesen den Ultraschall zu machen, wenn ich nicht schlafe? Oder mir wenigstens die Möglichkeit zu geben tatsächlich dabei zu sein? Ich meine ich bin ja nur die Mutter.
Es macht mich noch immer ganz wütend, wenn ich dran denke.

Ich fand unseren Aufenthalt im Krankenhaus sehr stressig und beunruhigend. Ich war so froh, dass wir nach genau drei Wochen nach Hause durften. Ich habe allerdings auch ein bißchen gedrängelt, dass ich gehen möchte. Zu Hause hatte ich endlich Ruhe und Zeit meine Mädchen an das Stillen zu gewöhnen und es war einfach schön. DSC03334Um ihnen das Ankommen zu Hause zu erleichtern, habe ich sie gleich erstmal nackelig auf meine Brust gelegt, das kannten sie ja aus dem Krankenhaus.

Im Nachhinein hatten wir eine ganz gute Betreuung im Krankenhaus. Ich habe schon viel Schlimmeres gehört, aber optimal war es nicht.
Für mich war übrigens wenig Zeit. Ich hatte kaum Zeit über Schmerzen und Heilung meiner Narbe nachzudenken. Als wir dann zu Hause waren und die Hebamme regelmäßig kam, konnte ich mich endlich auch mal ein bißchen auf mich konzentrieren und sie half mir natürlich die Zwillinge an die Brust zu bekommen.
Ein großes Danke an meine damalige Hebamme Katja. 🙂